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Gedanken von Timna Brauer

Seit Jahren stellen mir (auch seriöse) Journalisten bei Promi - Umfragen oder Interviews vor Weihnachten die selbe Frage:

Wie feiern Sie Weihnachten ?
Was schenken Sie zu Weihnachten Ihren Kindern ? usw.

Obwohl alle wissen daß ich nicht nur jüdischer Herkunft sondern auch halbe Israelin bin. Wenn man die winzige christlich-palästinensische Gemeinde ausschließt, dann ist Israel das einzige Land auf der Welt wo Weihnachten überhaupt nicht wargenommen wird, obwohl Jesus dort geboren wurde.
Für die Juden war Jesus ein Rabbiner der von den Römern gekreuzigt worden ist, so wie auch etliche aufständische Juden vor und nach ihm, daran ist nichts besonderes.
Oder im Gegenteil. Die Geburt Christi ist der Auslöser für die Gründung einer neuen Religion dessen Kirche die Juden 2000 Jahre lang schwerst verfolgt und zeitweise vernichtet hat, Weihnachten hat also für Manche einen eher bitteren Beigeschmack.

Aber zurück nach Österreich 2003: Es gibt in Wien Menschen jüdischer Herkunft die sehr wohl
Weihnachten feiern, entweder weil sie sich assimilieren wollen, oder weil sie einen christlichen Partner haben, oder weil Ihre Eltern es schon praktizierten, meist als Schutzmaßnahme gegen
Antisemitismus. (Genüzt hat es ihnen gegen Hitler nicht)
Dann gibt es das andere Extrem in Wien, die Orthodoxen Juden an denen alle christlichen Feiertage völlig abstrakt vorbeirauschen, weil sie in einer Art Ghetto leben und kaum Kontakt mit nicht jüdischen Mitbürgern pflegen. Da stellt sich erst die Weihnachtsfrage überhaupt nicht.
Dazwischen, würde ich sagen gibt es noch drei Kategorien:

Die praktizierenden Juden, die also alle Feiertage halten und regelmäßig in die Synagoge gehen, die aber sehr wohl Kontakt mit nicht jüdischen Mitbürgern haben.

Die Traditionsverbundenen, die selten in die Synagoge gehen und nur die höchsten jüdischen Feiertage feiern

Und die in Wien lebenden Israelis die meistens völlig unreligieus sind. Sie empfinden nicht ihre Identität als Juden, sondern als Israelis und haben gegenüber den Wiener Juden auch eine völlig andere Menatlität. Für sie bleibt Weihnachten viele Jahre ihres Aufenthaltes ein "Kuriosum", eine "Touristische Attraktion", weil sie es ja überhaupt nicht von ihrem Herkunftsland kennen.

Für die anderen zwei Gruppierungen vor ihnen, stellt sich sehr wohl die "Weihnachtsfrage", nicht im Sinn ob es gefeiert wird, aber man wird damit konftrontiert.
Nicht jüdische Bekannte wünschen einem ständig frohe Weihnacht, und natürlich fragen die Kinder die Eltern, warum sie keinen Weihnachtsbaum und keine Geschenke bekommen.

Genau das war das Stadium, wo meine Kinder begriffen haben, dass sie "anders" sind, denn ich habe mit ihnen , bis zu dem Zeitpunkt der "Christbaumfrage" nie über Religion gesprochen.
Ich würde mich zwischen den letzten zwei Kategorien einordnen, also ein wenig Tradition und viel Israelisches. Hebräisch ist meine Muttersprache und auch meine Kinder sprechen es fließend, im Gegensatz zu den Wiener Juden für die es keine Umgangssprache ist.
Die Juden der letzten Kategorien lösen das Geschenkeproblem in dem sie ihre Kinder, obwohl von der Tradition nicht üblich, eben zum Chanukkafest reichlich bescheren. Mit Chanukka wird der Sieg der Makkabäer über die Griechen im heiligen Land gefeiert, und dieses historische Fest fällt zeitgleich mit Weihnachten.
Ich erinnere mich noch an meine Kindheit. Einmal haben meine Eltern für die Chanukkafeier das Kinderzimmer mit Tannenzweigen geschmückt. So etwas nennt sich dann im deutschsprachigen Raum "Weihnukka", also eine Mischung von Weihnachten und Chanukka. Für manche der erste Schritt in die Assimilation, für andere ein "harmloses flirten mit dem Einheimischen".

Als meine Tochter mir zum ersten Mal sagte, sie wünsche sich auch einen Weihnachtsbaum war ich in einem Dilemma. Einerseits unreligiös und weltoffen. Warum sollte ich diesen gerechtfertigten Wunsch nicht erfüllen? Ich habe ihr dann erklährt daß ich es ganz schrecklich finde, dass man so viele junge Bäume fällen muss und dass die Bäume sehr bald austrocknen und viel Mist machen. Vor unserem Haus auf der Straße steht eine Tanne, die wir dann als Ersatz geschmückt haben. Ich habe es einfach nicht "über das Herz gebracht" einen Christbaum zu kaufen. Es weckt für Diasporajuden unangenehme Assoziationen. Mein israelischer Mann hätte da zum Beispiel nichts dagegen gehabt. Er verbindet eben damit überhaupt nichts.
Ich sage immer, dass das Christentum Meister im "vermarkten" ist. Mit dieser "Inszinierung" kann man schwer konkurrieren. Nikolo, Jesukind, Weihnachtsmann - natürlich ist ein Baum im Haus für Kinder spannender als ein Kerzenleuchter!

Ich gehe davon aus, dass es auch davon kommt, dass die Christliche Religion sich den Auftrag der Missionierung gesezt hat. Da muß man schon auch teils Pompöses als Aufmachung anbieten.
Das Jüdische will niemandem überzeugen und gefallen, dadurch ist auch alles etwas schlichter.
Aber leicht ist es nicht - wenn man Kinder hat - der heutigen Vermarktung zu widerstehen. Ich kann auch niemandem verbieten ihnen Weihnachtsgeschenke zu geben.
Ich selber beschenke meine Mitarbeiter zu Weihnachten, und organisiere jedes Jahr eine kleine Adventfeier für meinem Betrieb.
Den Weihnachtsabend selber verbringe ich auf verschiedenster Weise.
Jahre lang war ich mit einem Christen liiert und ging zu seiner Familie Weihnachten feiern. Es war natürlich ein komisches Gefühl. Zum Schluss musste ich die Weihnachtslieder alleine singen, weil sich keiner traute. Als Wiener Kind kennt man natürlich die Lieder. Einige Jahre lebte ich in Israel und merkte gar nicht, dass Weihnachten war.
Die letzten Jahre war ich meistens zu Hause mit meiner Familie. Man feiert natürlich nichts, aber es ist trotzdem ein besonderer Tag. Es ist unmöglich dem Weihnachtsrummel zu entkommen.

Einmal bin ich in die Mitternachtsmette gegangen um "die Bräuche der Eingeborenen" kennenzulernen. Die letzten Jahre hat es sich ergeben, dass ich christlichen Freunden, die bei niemandem eingeladen waren, ein feierliches Dinner zubereitet habe, damit sie zumindest irgend etwas von Weihnachten spüren und nicht in Depressionen geraten.
Meine israelische Mutter hat mich dazu ermutigt - es ist eine "Mitzwa" eine gute Tat - wie man bei den Juden sagt.

Soviel ich weiss, spüren auch die Moslems den Druck von Weihnachten, und das nicht nur in Europa, sondern auch in den arabischen Ländern, wo es ja auch kleine christlichen Gemeinden
gibt und immer mehr muslimische Familien Weihnachtsbäume und Geschenke kaufen. Der Islam hat ja mit Jesus überhaupt kein Problem, er wird als Prophet anerkannt.

Ich meine der Grund, dass die meisten Menschen in Österreich nicht glauben können, dass jemand überhaupt kein Weihnachten feiert ist, dass Juden und Moslems nach wie vor hier eine
Minderheit sind - im Vergleich zu Frankreich wo jeder Bürger Begriffe wie Chanukka oder Ramadan sehr wohl kennt.

Eine letzte Anekdote noch: Vor kurzem wurde ich für einen freien lokalen Sender in der Steiermark vor einem Auftritt interviewt, und ich erzählte, dass ich Lieder aus der jüdischen
Tradition meiner Vorfahren singen werde usw.
Dann kam natürlich die unvermeidliche Frage : "Frau Brauer, wie feiern Sie Weihnachten?"
Ich erklärte zum X-ten Mal, dass ich keine Weihnachten feier, da ich jüdischer Herkunft bin. Die Redakteurin schien sehr verwundert ( nicht über die Herkunft!), akzeptierte das "Argument", bat mich darauf hin vor laufender Kamera: "Könnten Sie uns ein Weihnachtslied auf hebräisch singen?".

Timna Brauer

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